Ja, unser kleines Querfüßchen ist ein ganz besonderes Kind: Er ist der erste von unseren Sechsen, der einfach mal so über den Termin gegangen ist, zwar nur mit einem Tag, aber es hat gereicht, unsere ungeduldige Familie den ganzen Januar über in Atem zu halten. Er hat diese Zeit gebraucht. Wer sonst hätte all die Bücher und Hefte, Stifte und Spielsachen wegräumen sollen, die die anderen fünf Kinder für das jeweils nachgeborene Kind im Bauch haben liegen lassen, wie unsere heute fast zwölfjährige, jüngste Tochter vor knapp vier Jahren anlässlich der Geburt ihres ersten Brüderchens bekanntgab. Drei Schwestern und zwei Brüder müssen eine reiche Bibliothek in Mamas Bauch angesammelt haben… Und er ist etwas Besonderes, weil er einer von Tausend ist, derjenige, der mit zwei Klumpfüßen geboren worden ist; Klumpfüße: welch furchtbares Wort für die munteren Querfüßchen unseres Jüngsten, deren Zehen selbst am Ende des Gipses noch anzeigen, welche Kraft der kleine Kerl in seinen Beinen hat. Und er ist ein besonderes Kind, weil er ganz ohne irgendwelche Hilfsmittel ganz sanft auf unsere Welt gekommen ist und uns sofort vom ersten Augenblick an mit wachen Augen musterte und unseren Stimmen lauschte, die er wohl wieder erkannte aus seiner Zeit in Mamas Bauch. Eigentlich wollten wir nicht schon wieder Alarm geben an jenem Sonntagabend. Zu oft hatten stärkere und schwächere Wehen uns in den letzten Wochen in Atem gehalten, die dann irgendwann ganz sanft, scheinbar ergebnislos verweht waren. Auch war die Reportage, „Berlin-Jerusalem“, die gerade im Fernsehen lief zu interessant, um loszufahren. Allerdings setzten die ersten furchtbar ignoranten Äußerungen zufälliger Passanten zum Holocaust-Mahnmal in Berlin die Wehen dann doch in Gang – so waren sie wenigstens zu etwas Gutem nütze, wenn sie uns sonst, unter normalen Umständen nur in einen Zustand lähmender Angst versetzt hätten. Gegen halb zwölf fuhren wir dann also los zum Krankenhaus, wo wir gegen Mitternacht ankamen. Und die Wehen waren weg. Doch blinder Alarm? Die Hebamme führte uns in das Geburtszimmer mit der Badewanne und begann mit ein paar Untersuchungen. CTG – wie stark sind die Wehen? Bauchabtasten – wie liegt das Kind? Und sprach mit uns über das Ereignis, das uns allen bevorstand. Wir fühlten uns etwas unsicher, insbesondere Anneka, meine Frau, war sich überhaupt nicht mehr sicher, ob das Kind heute nacht kommen sollte oder nicht: Keine Wehe weit und breit. Aber die Hebamme entgegnete: Das ist ganz normal. Wenn man ins Krankenhaus kommt, sind die Wehen erstmal weg. Die Umgebung ist ungewohnt. Man ist angespannt, irritiert, vielleicht, wie jetzt um Mitternacht, müde. Sie solle ein wenig herum laufen, reden, einen Schluck von dem Yogatee trinken, den Friederike, unsere Freundin und Noahs künftige Patentante mitgebracht hatte. Dann nachher setzt Du Dich mal hier in diesen Sessel, und wir machen noch ein CTG. Und ich geh erstmal nach draußen, wenn Ihr mich braucht, ruft Ihr mich. Erneut etwas irritiert, sahen wir uns an: Bei allen anderen Geburten wurde immer überprüft, wie weit der Muttermund schon offen sei. Nicht dieses Mal. Und kaum war die Tür hinter Karin geschlossen, als Wehen einsetzten, kräftige Wehen, vorn und hinten, die mit starkem Zug nach unten zogen, so jedenfalls beschrieb es mir Anneka. Sie stützte sich mit beiden Armen auf das Bett. Ich hielt mit der anderen Hand ihren Unterbauch, ganz tief unten, dort, wo die Wehe wohl am stärksten ziehen musste und blieb mitr der anderen Hand in der Nähe ihres Gesichts, streichelte, liebkoste sie, sprach ihr Mut zu und bestimmt auch Kraft. Friederike massierte ganz leicht den Rücken mit einem wunderbaren Öl, das den ganzen Raum in einen sanften Duft hüllte. Anneka selbst bewegte sich dabei, wippte hin und her, ging auf die Zehenspitzen, schlug in die Kissen, wenn der Schmerz nicht mehr zu ertragen war. Nun plötzlich kamen die Wehen schon aller paar Minuten. Kaum war eine vorbei, merkte sie schon die nächste heranrollen und das Spiel der Kräfte begann von neuem. Wir Drei, Anneka, Friederike und ich, waren gemeinsam dabei, Noah den Weg auf diese Welt zu ebnen. Eine wahnsinnige Kraft schwang im Raume, die sich in den immer stärker werdenden Wehen äußerte. Nach einiger Zeit kam unsere Hebamme wieder in den Raum und schlug vor, doch jetzt in die Badewanne zu steigen. Anneka war dankbar dafür, wollte sie doch schon seit einiger Zeit in die Badewanne, wo die Wärme des Wassers die Schmerzen nicht verebben ließ, wohl aber sie bewusster erleben ließ als das, was sie waren, Wehen, einen Schmerz, der einen Sinn hatte, nämlich unseren Noah auf die Welt zu bringen. Wieder waren es nur Sekunden, die eine wehe von der anderen trennten. Wieder war ich es, der ihr den Unterbauch hielt und die Arme stützte. Wieder massierte Friederike den Rücken. Und wieder waren einige Wehenwellen über uns hinweg gebraust, durch uns hindurch gebraust, als Anneka beschloss, nicht im Wasser zu entbinden und aus der Badewanne herauskletterte, um sich auf das Bett zu legen, ich mich daneben, ihr wiederum den Bauch haltend und mit der anderen Hand konnte ich ihr Gesicht streicheln und ihr gleichzeitig einen Ellenbogen zum Festhalten bei den Presswehen anbieten, die nun unmittelbar bevorstehen mussten. Mein Mund war noch frei, um sie zu liebkosen, ihr Mut und Kraft zuzusprechen. Wann soll ich pressen? fragte Anneka. Press, wenn Du denkst, dass es Zeit ist, antwortete die Hebamme. Darf ich pressen? fragte sie mit fragendem Blick auf mich. Ja, Du darfst, antwortete ich. Und sie presste. Bei der zweiten Presswehe durchstieß eine Pampelmuse das Tor, Noahs Kopf, kurz danach eine zweite, Noahs Körper. Ich sah, dass er die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. Mit geschicktem Griff nahm Karin sie weg und ließ den kleinen Körper weiter aus dem großen Mutterkörper herausgleiten. Das ergab in Annekas Empfindung zwei Pampelmusen. Auch darin war dieses Kind etwas Besonderes: Noch gar nicht richtig auf der Welt hat er schon das erste lebensbedrohliche Hindernis hinter sich gelassen, die Nabelschnur. Der kleine Noah lag nun auf dem Bauch seiner Mutter, Papas wärmende Hand auf dem Rücken, Mamas auf dem Po und darüber ein warmes Handtuch. Nach einer Weile drehten wir ihn um. Und nach einer weiteren Weile zeigte die Hebamme uns die Füßchen, unsere lieben kleinen Querfüßchen, die wir erst viel später begreifen würden. Anneka weinte leise. Ich streichelte ihr Gesicht und küsste sie und den kleinen Noah in seiner Käseschmiere, dem ersten Kleid der Neugeborenen. Typisch Mann brachen sich meine Angst, meine Schmerz, meine Trauer, aber auch mein Glück, meine Freude und mein Stolz erst Tage später Bahn…
März 17, 2001
Querfüsslein oder Die Geburt eines Schatzes
Posted by JS Richter under lichtblaues tagebuchLeave a Comment